Tunesisches Bier
Abends stehen vor einer Bar im Zentrum von Tunis ein paar Männer vom Sicherheitsdienst. Von außen würdest du auf alles tippen, nur nicht auf eine Kneipe - niemand steht mit einem Glas auf dem Bürgersteig, und das Lokal schottet sich nach außen völlig ab. Drinnen ist alles umgekehrt. Brechend voll, die Luft dick vom Rauch, und auf den kleinen Tischen vor den Einheimischen wachsen Reihen leerer grüner Flaschen; niemand räumt sie ab, denn nach ihnen wird am Ende abgerechnet. Tunesisches Bier gibt es also tatsächlich, und es steht gar nicht schlecht da: Fast immer heißt es Celtia, ist ein helles Lagerbier nach Pilsner Art, wird in Tunesien seit 1951 gebraut und hält rund 90 Prozent des Marktes.

Eine Brauerei, die mit Eis anfing
Celtia braut die SFBT, eine Firma, der die Tunesier tagtäglich auch ohne Alkohol begegnen - sie füllt nämlich auch die Limonade Boga ab. Angefangen hat sie allerdings 1889 als Eisfabrik des luxemburgischen Ingenieurs Joseph Baldauff, unweit der zentralen Markthalle. Der Name des Biers ist ein kleines Rätsel: Auf Lateinisch bedeutet er Land der Kelten, und wie ein keltischer Name auf ein afrikanisches Etikett kam, weiß niemand sicher - es kursiert nur die Geschichte, die Frau des damaligen Direktors habe ihn ausgesucht, einen Primärbeleg dafür gibt es nicht. Auf dem Etikett nennt sich das Bier Bière de luxe, wobei zum Luxus hier auch Mais und Zucker in der Zutatenliste gehören. Mit der Zweisprachigkeit nimmt es die Dose dafür ernst: auf der einen Seite alles auf Französisch, auf der anderen auf Arabisch, einschließlich des Namens سلتيا.


Wer Stella und Golden Brau braut
Neben Celtia werden als weitere tunesische Biere traditionell Stella und Golden Brau genannt. Nur braut Golden Brau in Wirklichkeit die tunesische Tochter des niederländischen Heineken-Konzerns - und den fast vier Jahrhunderte alten österreichischen Stammbaum, den ihm die Presse zugeschrieben hat, hat niemand unabhängig belegt. Stella ist dagegen eine echte alte Marke der SFBT, nur Vorsicht vor Verwechslungen: Ein eigenes Stella hat seit dem Ende des vorletzten Jahrhunderts auch Ägypten, und das belgische Stella Artois wird wiederum in Lizenz in Algerien gebraut. Nachweislich hängt keines davon mit den anderen zusammen. Und als Heineken Celtia wirklich angreifen wollte, brachte der Konzern 2014 das Bier Berber auf den Markt, beworben als "100 % tunesisch". Hundertprozentig tunesisches Bier von den Holländern.
Gebraut wird Bier übrigens im ganzen Maghreb. Marokko hat sein Flag, Algerien sein Tango, und praktisch den gesamten Markt der Region haben zwei europäische Konzerne, Castel und Heineken, unter lokalen Namen unter sich aufgeteilt. Die Ausnahme ist Libyen, wo Alkohol schon seit über einem halben Jahrhundert verboten ist - das tunesische Celtia schafft es trotzdem dorthin, allerdings ohne Alkohol: Die alkoholfreie Version hat fast ein Drittel des libyschen Marktes erobert. Wie sich Bier ohne Promille schlägt, beschreibe ich beim iranischen alkoholfreien Bier, und das entgegengesetzte Extrem, ein muslimisches Land mit einem Bierriesen, zeigt das türkische Efes.
Wo man Bier kauft und wo man es trinkt
Im normalen Laden bekommst du kein Celtia. Verkauft wird es in lizenzierten Abteilungen größerer Supermärkte; das ganze Ritual rund um den Raum mit eigenem Eingang und ständiger Aufsicht habe ich beim tunesischen Wein beschrieben - das Bier geht durch dieselbe Tür. Der zweite Weg führt in die Bars, und der ist eine Geschichte wert. Getrunken wird hinter verschlossenen Türen und unter den Augen des Sicherheitsdienstes - in einem Land, in dem laut einer Umfrage über 80 Prozent der Menschen Alkoholkonsum ablehnen und dessen Brauerei sich zugleich gern rühmt, beim Bierkonsum die Nummer eins im Maghreb zu sein. In Tschechien bringt man leere Flaschen zurück in den Laden; in der tunesischen Bar bleiben sie auf dem Tisch stehen, denn genau sie sind die Quittung. Eine Vorschrift schränkt das Rauchen in Lokalen schon seit 2009 ein - der Luft in den Bars hat das offenbar noch niemand gesagt. Und die Hotels in den Touristenzonen sind eine andere Welt: Dort wird mit Lizenz ganz normal ausgeschenkt.


Die Flasche in der Bar, die Dose am Flughafen
Celtia habe ich in einer Bar im Zentrum von Tunis getrunken - ich bin kurz nach der Öffnung hineingeschneit, als der Saal mit den Korbstühlen noch leer und kaum verraucht war. Es war kalt, sauber und leicht, ohne den Ehrgeiz, irgendwen umzuhauen, und genau deshalb schmeckte es überraschend gut. Die 0,33-Liter-Flasche kostete 4-5 TND (1,20-1,40 EUR), im Supermarkt ist sie etwas günstiger. Mein letztes Celtia habe ich erst am Flughafen gekauft: eine kleine 0,24-Liter-Dose für genau 1 EUR. In der Stadt wacht der Sicherheitsdienst über das Bier; am Flughafen nur noch ein Preisschild in Euro.