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Marché Central de Tunis: die große Markthalle der tunesischen Hauptstadt

Dan Špaňhel Tunesien Aktualisiert Keine Kommentare

Reiseführer und die französische Wikipedia handeln die Markthalle mit einem einzigen Satz ab: 1891, Art déco mit arabischen Elementen. Nur passt das nicht zusammen - Art déco gab es 1891 noch gar nicht, der Stil erlebte seine Blüte erst nach dem Ersten Weltkrieg. Beides stimmt, nur nicht gleichzeitig: Die Markthalle trägt ihre Stile in Schichten wie alte Mauern ihren Putz. Der Marché Central de Tunis (arabisch: السوق المركزية) ist die große überdachte Markthalle der tunesischen Hauptstadt - ein Bau aus der Zeit des französischen Protektorats gleich hinter dem Tor Bab el-Bahr, in dem Fisch, Gewürze, Oliven und Käse nach Gewicht verkauft werden.

Marché Central de Tunis: Gemüse und frische Kräuter.
Marché Central de Tunis: Gemüse und frische Kräuter.

Ein Obstmarkt, auf dem der Fisch regiert

Die Tunesier nennen die Markthalle bis heute bei ihrem alten Namen Fondouk el-Ghalla - frei übersetzt etwa "Markt der Ernte", im örtlichen Sprachgebrauch schlicht Obstmarkt. Ein Fondouk war einst eine Herberge, in der Kaufleute ihre Waren lagerten und selbst übernachteten; ins Arabische gelangte das Wort aus dem griechischen pandocheion. Zur Markthalle passt der Name bis heute auch vom Grundriss her: Vier Flügel überdachter Hallen umschließen einen großen Innenhof, genau wie bei einem alten Fondouk, nur haben Stände die Gäste abgelöst. Berühmt gemacht haben den nach dem Obst benannten Markt allerdings vor allem die Fische. Die eigene Fischhalle im Innenhof ist die belebteste Ecke des ganzen Gebäudes. Die Presse nennt den Markt "den Bauch von Tunis" - nach dem Vorbild von Zolas Der Bauch von Paris.

Eine Kolonialmarkthalle mit maurischer Fassade ist dabei keine tunesische Besonderheit, eher ein maghrebinisches Genre: Die Markthalle von Tunis ist ein Vierteljahrhundert älter als ihre Schwester im marokkanischen Casablanca. Wer dagegen einen tunesischen Markt sehen will, über den kein Architekt gewacht hat, findet ihn auf den Märkten in Kairouan.

Marché Central de Tunis: Fisch und Meeresfrüchte in der Fischhalle.
Marché Central de Tunis: Fisch und Meeresfrüchte in der Fischhalle.
Marché Central de Tunis: große Fische zum Portionieren.
Marché Central de Tunis: große Fische zum Portionieren.
Marché Central de Tunis: Schwertfische im Ganzen und als Steaks.
Marché Central de Tunis: Schwertfische im Ganzen und als Steaks.

Schatten für die Gemüsehändler, die Stile obendrauf

Der Markt ist älter als sein Gebäude: Die Behörden erwähnen ihn schon in den 1880er Jahren als Hof vor den Mauern der Medina, auf dem Feldfrüchte verkauft wurden. Der heutige große neomaurische Bau gehört zu den ersten Beispielen dieses Stils im Land; Historiker haben ihn vor Kurzem dem Architekten Henri Saladin zugeschrieben, der ihn in seinem eigenen Buch über Tunis allerdings unerwähnt ließ. Die überdachten Pavillons forderten die Markthändler selbst - die Gemüsehändler wollten Ende des Jahrhunderts Schatten für ihre Ware; der Hof wurde danach nach und nach überdacht. Neue Eingänge samt Nordfassade kamen mit dem Umbau von 1937: Erst damals fand zwischen Hufeisenbögen und blau-weißen Fliesen jenes Art déco Platz, das die Reiseführer heute ein halbes Jahrhundert zurückdatieren.

Sizilianischer Käse, Frühlingsblüten und lebende Schnecken

Schichten hat hier nicht nur die Fassade. Die Käsetheken mit Ricotta und frischen weißen Laiben halten die Tradition sizilianischer Käser hoch, ein Andenken an die italienische Gemeinde der Stadt; ein Stück weiter werden Gewürze nach Gewicht abgefüllt, hausgemachte Harissa geschöpft und Oliven in allen Farben angeboten. Ein paar Frühlingswochen gehören dann Waren, die man nicht isst: Eine Gasse mitten im Markt duftet nach Bitterorangenblüten, Geranien und Rosen. Tunesische Familien kaufen sie kiloweise und destillieren sie zu Hause im Kessel zu Blütenwasser für Gebäck und Kaffee - dasselbe Ritual, mit dem bei uns in Tschechien der Sommer am Einkochtopf ausklingt, nur entstehen statt Kompott kleine Fläschchen voller Duft. Nach dem Frühlingsregen tauchen an den Theken auch lebende Schnecken auf, babbouch genannt, aus denen eine pikante Brühe gekocht wird.

Am besten kommst du vormittags, und auf keinen Fall montags - da schläft die Hälfte der Stände, auch wenn der Rest angeblich die Preise senkt. Günstig einkaufen kann man auf diesem Markt allerdings nicht: Für Tomaten legen die Tunesier hier gern das Dreifache dessen hin, was sie ein paar Viertel weiter bezahlen würden. Viele Stände in den Obstgassen stehen heute verlassen. Man kommt wegen der Dinge her, die es anderswo nicht gibt - vor allem wegen der Fischhalle. Frischen Schwertfisch gibt es dort von Januar bis März nicht, dann gilt Schonzeit; den Rest des Jahres ist er neben der Dorade der Star der Halle. Das Beste kommt aber nach dem Einkauf: Den Fisch von der Theke bereitet dir ein Bistro in der Markthalle direkt zu. Denselben Service kennen Fischmärkte auch anderswo; die tunesische Version erkennt man erst an den Beilagen.

Marché Central de Tunis: Gewürze nach Gewicht.
Marché Central de Tunis: Gewürze nach Gewicht.
Marché Central de Tunis: Oliven nach Gewicht.
Marché Central de Tunis: Oliven nach Gewicht.
Marché Central de Tunis: frischer Käse.
Marché Central de Tunis: frischer Käse.
Marché Central de Tunis: lebende Schnecken.
Marché Central de Tunis: lebende Schnecken.

Dorade, Schwertfisch und ein volles Bistro

In jeder Stadt die Markthalle zu besuchen, ist für mich fast Pflicht, und hier hielt mich die Fischhalle am längsten fest: Die Verkäufer wiegen den Fang auf der Stelle, nehmen ihn aus und portionieren ihn, wie du es haben willst. Ich suchte mir eine frische Dorade für 6,500 TND (2 EUR) und zwei Schwertfischfilets für 9,800 TND (3,20 EUR) aus und trug sie in ein kleines Bistro in der Markthalle, das bis auf den letzten Platz mit Tunesiern besetzt war. Für die Zubereitung zahlte ich 9 TND (2,80 EUR) - im Preis inbegriffen waren auch ein ausgezeichnetes Kafteji mit geräucherter Harissa, ein Teller Pommes mit angenehm scharfem Chili und ein perfekt knuspriges Baguette - ach, dieser Einfluss Frankreichs. Die Dorade löste sich von der Gräte und duftete nach dem Rauch des Grills, der Schwertfisch blieb unter der Gabel fest wie ein Steak. Die eine Hälfte des Essens hatte ich mir selbst an der Theke ausgesucht, um die andere kümmerte sich das Bistro. Es war ein herrliches Festmahl - und das Teuerste daran kostete umgerechnet gerade einmal 3,20 EUR.

Marché Central de Tunis: gegrillter Fisch mit Kafteji und Pommes.
Marché Central de Tunis: gegrillter Fisch mit Kafteji und Pommes.

Marché Central de Tunis

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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