Markt Ballarò: wo Palermo frühstückt
Den Markt Ballarò habe ich gehört, bevor ich ihn gesehen habe. Die Händler preisen ihre Ware hier mit einem singenden Ruf an, der abbanniata heißt, jeder hat seinen eigenen wie ein Markenzeichen, und zusammen zieht ein Chor durch die Gassen, der ohne Lautsprecher auskommt.
Ballarò ist der älteste und größte der drei historischen Märkte im Zentrum von Palermo - und neben Obst, Gemüse und Fisch auch eine Leistungsschau dessen, was die sizilianische Küche direkt auf der Straße zu bieten hat.

Woher Ballarò seinen Namen hat und wie alt er ist
Bei einem tausend Jahre alten Markt würde man erwarten, dass wenigstens der Name geklärt ist. Historiker bieten mindestens fünf Theorien an: Die meistzitierte geht auf das arabische Dorf Bahlara bei Monreale zurück, dessen Händler ihre Ware hierher brachten, eine weitere spricht vom arabischen "Markt der Spiegel", von einem indischen König und von einem aragonesischen Hauptmann. Der älteste Markt Palermos ist damit zugleich der Markt, bei dem sich niemand einig wird, wonach er eigentlich benannt ist. Such dir eine Theorie nach Geschmack aus, eine endgültige Antwort bekommst du von den Einheimischen auch nicht.
Der Markt selbst ist besser belegt als sein Name. Entstanden ist er wohl im 10. Jahrhundert, als Araber über Sizilien herrschten und das umliegende Viertel Albergheria zur Medina von Palermo gehörte - der Vergleich mit einem Souk, den heute jeder Reiseführer herunterbetet, ist also erstaunlicherweise belegt. Die erste schriftliche Erwähnung eines "öffentlichen Marktes Ballarò" stammt aus dem Jahr 1327, was davor war, stützen eher Vermutungen als Urkunden. Und dem Betrieb sieht man das Alter nicht an: Die Stände laufen weiter, als wäre seit dem Mittelalter niemand nach Hause gegangen.

Was man auf dem Markt Ballarò isst
Im heißen Öl blubbern hier Panelle, Fladen aus Kichererbsenmehl, die in Palermo von den Arabern geblieben sind und heute in ganz Westsizilien frittiert werden. Der Kartoffelpuffer würde in ihnen einen entfernten Cousin aus Kichererbsenmehl erkennen - der Teig wird aber nicht gerieben, sondern wie ein dicker Brei gekocht, zum Festwerden ausgestrichen, geschnitten und ins Öl geworfen. Die beste Werbung für das Essen machen hier ohnehin keine Schilder: An einem Gemüsestand habe ich beobachtet, wie einheimische Kinder statt Bonbons gegrillte Lammdärme namens Stigghiola genossen.

Aus einem großen Topf wird gekochter Oktopus verkauft, den dir der Händler bereitwillig in unglaublich zarte Stücke schneidet - diese Spezialität hat Ballarò allerdings mit beiden Schwestermärkten gemeinsam, mit der Vucciria und dem Markt del Capo. Dazu Sardinen a beccafico, rohe Garnelen und Austern auf Eis. Auch rohe Meeresfrüchte sind kein sizilianisches Monopol: Eine eigene Tradition des crudo di mare pflegt jenseits des Meeres auch Apulien, nur wird dort nicht so viel dazu gesungen.

Wann man auf den Markt kommen sollte
Auf dem Papier hat der Markt von Montag bis Samstag geöffnet, etwa von halb acht morgens bis acht Uhr abends, nur sind die Öffnungszeiten hier Nebensache. Die größte Show steigt am Samstagvormittag, wenn alle Stände gleichzeitig laufen und zum Essen noch ein Flohmarkt dazukommt. Wer die frischeste Ware und passierbare Gassen will, kommt unter der Woche gleich früh am Morgen - und lässt sich am Obststand von der Oma mit der Saftpresse Orangen oder Granatäpfel auspressen oder nimmt einen Becher geschnittenes Obst vom Eis.

Garnelen und Austern zum Frühstück
Ich kam hungrig auf den Ballarò und habe daraus ein Frühstück mit drei Gängen gemacht. Die rohen Garnelen pulte mir die Verkäuferin direkt vor meinen Augen aus, beträufelte sie mit Zitrone und Olivenöl und würzte sie mit einer Mischung, die sie mir nicht verriet; sie schmeckten leicht süßlich, die Portion kostete 3 EUR. Die Auster, frisch aus dem Wasser, öffnete sie ebenfalls vor mir und gab nur ausgepresste Zitrone dazu - kalt, salzig, das reine Meer. Das Stück für 3 EUR.



Das Frühstück habe ich mit gebackener Schafsricotta mit Marmelade, Honig und Pistazien für 3,50 EUR abgeschlossen: unter der gebackenen Kruste ein süßsalziger Käse, der in Scheiben zerfällt. Verkauft wurde sie als Ricotta aus Corleone - nur kennt die Fachliteratur zum Käse keine Spezialität aus Corleone, gebackene Ricotta macht man auf ganz Sizilien und die berühmteste reift in den Bergen bei Messina. An der Theke ahnte ich das damals nicht, und dem Geschmack hat es nicht geschadet. Drei Gänge im Stehen und ohne Speisekarte - ein Markt, der tausend Jahre überlebt hat, weiß, warum er daran nichts ändert.

Mercato di Ballarò