Mine bouillie: gekochte Nudeln aus Mauritius
Menschen chinesischer Herkunft machen auf Mauritius etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung aus. Auf der Tafel vor jedem Bistro nehmen sie dafür einen auffällig großen Teil der Zeilen ein: Mine frit, Riz frit, Boulettes und die bescheidensten von allen, die Mine bouillie. Die Mine bouillie sind gekochte Eiernudeln mit Fleisch und Gemüse - entweder auf dem Teller, nur mit Sauce und einem Stück Fleisch, oder in der Schüssel mit klarer Ingwerbrühe - und sie gehören zum Günstigsten, was die mauritische Küche zu bieten hat. Nichts daran ist knusprig, nichts wird darin gebraten, und genau das unterscheidet sie von ihrer berühmteren gebratenen Schwester.

Was Mine bouillie heißt und warum kein Brei dahintersteckt
Wer ein bisschen Französisch kann, hat beim Lesen der Speisekarte ein Problem. Bouillie ist in Frankreich der Brei für kleine Kinder, und mine ist das Bergwerk oder der Gesichtsausdruck. Beides ist falscher Alarm: bouillie ist hier schlicht das Partizip von "kochen", und mit Bergbau hat mine nicht das Geringste zu tun. Das Wort für die Nudeln brachten Einwanderer aus der südchinesischen Region Meixian mit - in ihrem Hakka lesen sie das Zeichen für Nudeln fast genauso, wie es das mauritische Kreol heute ausspricht. In Frankreich kennt den Ausdruck mine deshalb niemand, im Indischen Ozean kennt ihn jeder: Auf La Réunion heißt die gekochte Variante genauso, auf Madagaskar wurde aus den gebratenen Nudeln misao. Und weil die Hakka für das entlehnte Wort nie ein Geschlecht festgelegt haben, schreibt die mauritische Presse in ein und demselben Artikel seelenruhig mine bouilli und mine bouillie. Beide Formen sind richtig, und das ist auf Mauritius die übliche Art, einen Streit zu beenden.
Nudeln in der Brühe, oder daneben
Nudeln in klarer Brühe brachten im 19. Jahrhundert Einwanderer aus China mit, zuerst Kantonesen, später die zahlreicheren Hakka, und in welchem Jahr aus der Suppe ein mauritisches Gericht wurde, hat niemand aufgeschrieben. Der Unterschied zu China lässt sich dagegen genau benennen. In Hongkong und im Hakka-Gebiet werden gekochte Nudeln trocken serviert, mit Sauce vermischt, und die Suppe steht daneben in einer Schüssel - sie in die Nudeln zu gießen, gehört sich nicht. Die mauritische Suppenvariante der Mine bouillie macht genau das Gegenteil: Die Nudeln schwimmen in der Brühe. Die zweite, trockene Form, die auf Kreolisch touni (nackt) heißt, ist der chinesischen näher: Nudeln nur mit Sauce, darauf Fleischstücke, Hackfleisch oder ein nur von einer Seite gebratenes Ei, das hier dizef miroir heißt, Spiegelei. Ein Name, zwei Gerichte, und welches auf den Tisch kommt, entscheidet das Bistro, keine Norm. Wer sichergehen will, fragt nach, ob es mit Brühe serviert wird.
Wie Mine bouillie gemacht und gegessen werden
Die Nudeln werden separat und nur kurz gekocht und sofort mit kaltem Wasser abgeschreckt - diesen Handgriff kennt jeder, der schon einmal einen Topf Spaghetti abgegossen hat und feststellen musste, dass sie im Sieb verklebt waren. Hier hat er allerdings einen anderen Grund: abgeschreckte Nudeln bleiben elastisch, auch wenn gleich danach heiße Brühe darübergegossen wird. Die Brühe ist eine klare Hühnerbrühe, sie duftet nach Ingwer und Knoblauch und gehört zur selben Familie klarer Ingwersuppen wie die, in der die mauritischen Klößchen Boulettes schwimmen. Das Gemüse wechselt je nachdem, was das Bistro am Morgen eingekauft hat - Sprossen, Blattkohl, Frühlingszwiebeln obenauf - und abgeschmeckt wird mit Soja- und Austernsauce und einem Tropfen Sesamöl. Auf dem Tisch stehen dann eine Schale hausgemachte Chilisauce und eine Flasche schwarzer Essig, denn jeder Mauritier schmeckt sich sein Essen selbst ab, und der Koch versucht gar nicht erst, das vorher zu erraten. Es ist ein Gericht für den Alltag: Mittagessen im Stehen oder Abendessen nach der Rückkehr vom Strand. Zum Feiern bestellt es niemand, dafür essen es auf der Insel täglich Tausende. Und wer die Brühe mag, bestellt sich zu den Nudeln noch ein paar Boulettes dazu.
Die trockene Variante auf dem Glasteller
Mine bouillie habe ich in Flic en Flac gegessen, im Bistro Nam Wah Snack (siehe Wo man in Flic en Flac essen geht). Ein Teller dünner Nudeln, darauf Hähnchenfleisch, Karottenscheiben, Babymais, Blattgemüse und eine Handvoll Frühlingszwiebeln. Die Nudeln waren glatt und elastisch, das Fleisch weich und salzig von der Sojasauce, Mais und Karotte waren noch knackig, und der Ingwer hielt sich eher im Duft als auf der Zunge. Die Portion kostete 125 MUR (2,80 EUR). Die gebratene Schwester hat mehr Geschmack. Die gekochte hat mehr Anstand: Sie lässt kein Öl auf dem Teller zurück, hält niemanden auf und lenkt nicht von dem Gemüse ab, von dem fast mehr auf dem Teller lag als von den Nudeln.