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Supra: das georgische Festmahl

Dan Špaňhel Georgien Aktualisiert Keine Kommentare

Es gibt ein Trinkgefäß, das den Begriff "nur ein Schlückchen" nicht kennt: ein hohles Horn namens Kanzi. Es hat keinen ebenen Boden und lässt sich deshalb nicht abstellen - bis du es geleert hast, hältst du es in der Hand, und der ganze Tisch schaut zu. Kaum eine Kultur hat ihre Trinkregeln konsequenter in Form gegossen - bis hinein ins Geschirr.

Die Supra (georgisch: სუფრა) ist das große georgische Festmahl: ein Tisch, auf dem alle Speisen gleichzeitig stehen, Wein statt Wasser und Trinksprüche in fester Reihenfolge, über die ein gewählter Wortführer namens Tamada wacht. Die ganze georgische Küche kommt hier auf einmal zusammen - trinken darfst du allerdings erst, wenn der Tamada zu Ende geredet hat.

Supra: Statue eines Tamada, des Wortführers beim georgischen Festmahl.
Supra: Statue eines Tamada, des Wortführers beim georgischen Festmahl.

Was Supra bedeutet und wer der Tamada ist

Das Wort Supra heißt wörtlich Tischtuch, gedeckter Tisch. Die Georgier haben es aus dem persischen sofre entlehnt, und die Perser haben es wohl aus dem Arabischen, wo ein verwandtes Wort den Proviant bezeichnete, den ein Reisender für unterwegs einpackt. Der georgischste Begriff, den du in Georgien zu hören bekommst, ist also ein Lehnwort - was niemanden daran hindert, ihn für das Tafelsilber der eigenen Kultur zu halten. Geführt wird das Festmahl vom Tamada, den entweder der Gastgeber bestimmt oder die Runde selbst wählt: Er bringt die Trinksprüche aus, wacht über ihre Reihenfolge, zügelt das Tempo und ernennt an langen Hochzeitstafeln Stellvertreter für die entfernteren Enden der Tafel. Gibt er das Wort an einen Gast weiter, damit der den Trinkspruch auf seine Weise weiterspinnt, heißt das Alawerdi.

Gelenkte Trinksprüche sind dabei kein georgisches Monopol. Das Festmahl mit einem Tamada teilt sich der ganze Kaukasus - in Armenien führt genau dieselbe Figur durch Hochzeiten und Feiern - und die Sowjetzeit trug den Tamada dann in alle Republiken, wo vom strengen Dirigenten der Trinksprüche mit der Zeit ein Hochzeitsmoderator mit Mikrofon übrig blieb. Die türkische Küche hebt das Glas mit dem Ruf şerefe, aber den Abend dirigiert dort niemand. So bleibt die Supra die ausgefeilteste Version kaukasischer Tafelkultur: ein Festmahl, das zur Institution mit eigenem Protokoll geworden ist.

Die Statuette aus Wani und der Mythos von der UNESCO

Wie alt das Ritual ist, lässt eine bronzene Statuette eines Mannes mit Trinkschale erahnen, ausgegraben in Wani im Westen des Landes und ins 7. Jahrhundert v. Chr. datiert - ihre Kopien begegnen dir in Georgien heute als Denkmäler und als Souvenirs, und die Einheimischen sehen in ihr den Urvater aller Tamadas. Die Tafelkultur beschreibt auch Rustawelis Epos aus dem 12. Jahrhundert und nach ihm die Aufzeichnungen europäischer Reisender. Eines aber hat sich die Welt zur Supra dazugedichtet: Auf der UNESCO-Liste steht das Festmahl NICHT. Seit 2017 steht es als Kulturgut auf der georgischen nationalen Liste des immateriellen Erbes; auf der UNESCO-Liste stehen für Georgien der mehrstimmige Gesang und die Weinbereitung in Qvevri-Tongefäßen. Trotzdem schickt die Hälfte aller Reiseportale die Supra zur UNESCO. Der Irrtum ist so verbreitet, dass man ihm sogar direkt in Georgien aufsitzt.

Wie eine Supra abläuft und was es dabei zu essen gibt

Auf den Tisch kommt alles auf einmal, und dort bleibt es dann auch: Chatschapuri, die Fleischtaschen Chinkali, Mzwadi-Spieße, eingelegtes Gemüse, Käse, Brot, gern auch Ostri, ein Rindergulasch - die Teller stapeln sich übereinander und niemand räumt sie ab. Getrunken wird Wein, zum Schluss womöglich noch der Tresterbrand Tschatscha. Nur liegt der Schwerpunkt der Supra gar nicht auf den Tellern. Der Hauptgang wird im Stehen vorgetragen: Die Trinksprüche folgen einer unveränderlichen Reihenfolge - Gott, Familie, Heimat, Vorfahren - und erst danach ist die Reihenfolge frei für Freundschaft, Liebe oder Frieden. Zwischen den Trinksprüchen wird nicht getrunken; einfach so auf eigene Faust zum Glas zu greifen ist ungefähr so ein Fauxpas, wie einem Redner auf einer Hochzeit ins Wort zu fallen. Nur mit dem Unterschied, dass hier der ganze Abend lang geredet wird und sich eine festliche Supra über viele Stunden ziehen kann. Und fröhlich muss sie nicht immer sein: Nach einer Beerdigung hält man eine bescheidenere Trauervariante namens Kelechi ab.

Zwei Supras und ein Büffelhorn

Ich habe die Supra zweimal erlebt. Das erste Mal in symbolischer Form, vorbereitet für die Gäste einer Weinexkursion: Nach meinem Trinkspruch bekam ich ein Büffelhorn in die Hand und begriff schnell, warum man es nicht weglegen kann - der Wein floss bereitwilliger, als ich schlucken konnte - und auf einmal war das Horn leer. Das zweite Mal erwischte mich eine unverfälschte Supra mit einem charismatischen Tamada zufällig in einer Bierkneipe in Kutaissi. Ich verstand so gut wie nichts und hörte trotzdem mit derselben Hingabe zu wie die Einheimischen; getrunken wurde oft, viel und auf ex, weshalb der Tag nach einer Supra durchaus mit einem unangenehmen Brummschädel anfangen kann. Eine echte Supra zu erleben bleibt für mich trotzdem eines der stärksten Erlebnisse aus Georgien. Das Kanzi darf man erst abstellen, wenn es leer ist. Mit Georgien war es ähnlich: Es hat mich erst nach Hause ziehen lassen, als ich randvoll von ihm war.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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