Weine aus Alicante: Monastrell aus dem Vinalopó, Fondillón und Moscatel
Als Ludwig XIV. im September 1715 im Sterben lag, hielt der Chronist Saint-Simon den letzten Wunsch fest, der sich noch erfüllen ließ: in Wein aus Alicante getunkte Biskuits. Der König, dem Burgunder und Champagner zur Verfügung standen, verlangte am Ende nach einem schweren, dunklen Wein aus einer Hafenstadt im Südosten Spaniens.
Weine aus Alicante (spanisch: vinos de Alicante) sind rote, weiße und süße Weine der Appellation DO Alicante, die zu drei Vierteln auf der Rebsorte Monastrell beruhen, und die spanische Küche kennt sie länger, als sie das Wort Appellation kennt. Der Fondillón, jener königliche Wein zu den Biskuits, wird hier bis heute erzeugt.

Monastrell, Mourvèdre, Mataró: eine Rebe mit drei Namen
Fast alles Rote, was in der Provinz wächst, ist Monastrell: von den knapp zehntausend Hektar der Appellation entfallen rund drei Viertel auf sie. Es ist eine Rebe mit dicker Beerenhaut, die Trockenheit, Hitze und die kargen Böden des Hinterlands verträgt und einen dunklen, tanninreichen Wein mit einem Alkoholgehalt gibt, den man nicht übersehen kann. Eine Rebsorte aus Alicante ist sie deshalb noch lange nicht: Monastrell gehört dem ganzen spanischen Südosten, sie wächst genauso in den Nachbarappellationen Jumilla, Yecla, Bullas, Almansa und Valencia, und die größte Anbaufläche hat nicht Alicante, sondern Jumilla in Murcia. Wer sie anderswo auf der Welt sucht, muss ihre weiteren Namen kennen. In Frankreich heißt sie Mourvèdre - nach Murviedro, dem alten Namen des valencianischen Sagunto, von wo aus sie einst in die Provence zog - und in Bandol macht man daraus einen Wein, der mindestens zur Hälfte aus ihr bestehen muss; gegenüber dem aus Alicante ist er straffer, würziger und weniger sonnig. In Australien heißt sie Mataró, nach der katalanischen Hafenstadt bei Barcelona. Eine einzige Rebe; wer sie auf einer fremden Weinkarte finden will, braucht drei Wörterbücher.

Den umgekehrten Weg ging eine Rebsorte, die Alicante direkt im Namen trägt und hier trotzdem nicht entstanden ist. Alicante Bouschet züchtete 1866 der französische Winzer Henri Bouschet, indem er die Sorte seines Vaters, Petit Bouschet, mit Garnacha kreuzte; heraus kam eine Rebe mit farbigem Fruchtfleisch, wie es sonst nur die Haut hat, und Frankreich färbte damit nach der Reblaus die blass gewordenen Weine. Den Namen bekam sie wohl nach dem Ruf der dunklen, dichten Weine aus Alicante, aufgeschrieben hat den genauen Grund aber niemand - und nach Alicante kehrte sie unter einem anderen Namen zurück, als Garnacha Tintorera. Heute wird sie von Portugal bis Kalifornien angebaut, und in Italien nennt man mit dem Wort "Alicante" obendrein die Garnacha selbst. Die Sprache des Weins ist der Ort, an dem aus einer Stadt zwei Rebsorten und eine Farbe werden können.

Fondillón: der Wein, den man mit Portwein verwechselt
Fondillón sieht auf den ersten Blick aus wie Portwein oder Sherry: dunkel bernsteinfarben, süß, dicht, mit einem Alkohol, wie ihn sonst nur Likörweine haben. Nur hat ihm niemand Alkohol zugesetzt. Die Trauben des Monastrell bleiben so lange am Stock, bis sie überreif sind und zu trocknen beginnen, und aus diesem Zucker vergärt der Wein von selbst zu einer Stärke, für die man anderswo Branntwein braucht; danach reift er mindestens zehn Jahre im Fass, im Solera-Verfahren. Die Solera ist der Sauerteig der Großmutter: Aus dem Fass mit dem ältesten Wein wird nur ein Teil entnommen und mit jüngerem aufgefüllt, sodass es nie ganz leer wird und in jeder Flasche etwas vom allerersten Wein bleibt. Die älteste Solera in Monóvar hat das Weingut Primitivo Quiles seit 1892 - aus der Zeit, als die Reblaus den Fondillón fast von der Landkarte tilgte; die kommerzielle Produktion nahm man erst 1948 wieder auf. Der Name soll von einem alten valencianischen Wort für den Fassboden kommen, auf dem sich der Wein absetzte - sicher weiß es niemand. Sicher ist: Seit 2011 ist Fondillón ein geschützter Begriff der Europäischen Union, und niemand außer der DO Alicante darf ihn verwenden. Die Überlieferung hat ihm auch Shakespeare und Dostojewski angehängt, ein genaues Zitat liefert aber keine dieser Quellen, also bleiben wir bei Ludwig - den hat wenigstens ein Augenzeuge festgehalten.

Von iberischen Amphoren über das Jahr 1510 zu zwei Unterzonen
An der Promenade von Alicante stehen Fässer mit der Aufschrift "3.000 Jahre Weinkultur", und ausnahmsweise ist das keine Werbeübertreibung: Bei der iberischen Siedlung Lucentum und in der Amphorenwerkstatt Illeta dels Banyets fanden Archäologen Belege für Wein und den Handel damit schon aus dem fünften bis dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, also aus der Zeit vor den Römern, denen der Weinbau hier gewöhnlich zugeschrieben wird. Das erste Gütezeichen kam 1510: Ferdinand von Aragón verbot, fremde Weine nach Alicante einzuführen, damit sie sich nicht mit den heimischen mischten - und die Appellation, 1932 unter den ersten siebzehn Spaniens anerkannt, beruft sich bis heute auf dieses Datum. Einen eigenen Kontrollrat bekam sie 1957. Heute hat sie zwei Unterzonen, nicht fünf, wie Reiseführer bisweilen behaupten: das Vinalopó im Landesinneren, trocken und kalkig, wo der Monastrell regiert, und die Marina an der Küste im Norden, feuchter und milder, wo der Moscatel regiert. Comarcas wie Alto Vinalopó oder Marina Alta sind nur Teile davon. Die Kategorie "Vinos de la Tierra de Alicante", die Websites noch immer abschreiben, findest du in den Listen der spanischen geografischen Angaben heute nicht mehr.

Moscatel aus der Marina und Giró, die dreißig Jahre lang keine Garnacha war
Der Norden der Provinz gehört dem Moscatel de Alejandría, einer Traube, die nach sich selbst duftet: Im süßen Wein daraus riechst du die Trauben, was sich von den wenigsten Weinen sagen lässt. Man macht daraus Süßwein und auch Mistela, bei der die Gärung gar nicht erst einsetzt, weil der Most sofort mit Weinalkohol gestoppt wird. Das spanische Gesetz hält die Mistela deshalb nicht für Wein - sie ist ein süßes Likörgetränk aus Trauben, das im selben Regal wie Wein steht und in Weingläser kommt, ihr fehlt nur das Einzige, was Wein zu Wein macht. Neben dem Moscatel wächst hier auch Giró, eine rote Minderheitensorte des nördlichen Alicante, die die Winzer nach der Reblaus jahrzehntelang in den Rebschulen als Garnacha kauften und auch als Garnacha anbauten; dass es sich um eine eigene Sorte handelt, bestätigte die Genetik erst 2011. Der Weinberg wusste also etwas, was der Winzer nicht wusste, und schwieg dreißig Jahre lang darüber.

Der rote Monastrell aus dem Vinalopó ist ein Wein zu Fleisch und zu Reis - zum gebratenen Lamm ebenso wie zu den Reisgerichten von Alicante, die mit seinem Alkohol besser zurechtkommen als leichter Fisch. Den Fondillón trinkt man für sich, nach dem Essen, allenfalls zu hartem Käse oder zu Turrón, der in derselben Provinz hergestellt wird. Achte auf die Unterzone auf dem Etikett: "Vinalopó" steht für dunkel und kräftig, "Marina" für süß und duftig, und das Wort Fondillón ist von Gesetzes wegen verlässlicher als jedes Prädikat "Reserva". Wer ein Auto hat, kann die Ruta del Vino de Alicante fahren, die beide Unterzonen verbindet; wer keines hat, klappert die Vinotheken im Zentrum von Alicante ab, wo beide Unterzonen in ein einziges Regal passen.

Fünf Flaschen, die ich in Alicante dokumentiert habe
Nach Alicante fuhr ich wegen des Fondillón und landete beim Monastrell; die allermeisten Weine, die ich dort probiert habe, waren genau daraus, und sie haben mich restlos begeistert. Zwei Flaschen öffnete man mir im Restaurant Tabula Rasa (siehe Wo man in Alicante essen geht): Arbui V.47 von Bodegas Alejandro in Monóvar, ein Monastrell von Reben, die vor mehr als siebenundvierzig Jahren gepflanzt wurden, den mir der Kellner im Sakko brachte, mit dem Jahrgang 2019 am Flaschenhals - ein dichter, warmer Wein nach reifen Pflaumen und mit fünfzehneinhalb Prozent, die sich nicht verstecken lassen. Und zum Schluss ein süßer Moscatel von Vins del Comtat aus Cocentaina, Honig und Orangenschale im Glas, das die Kellnerin als Schlusspunkt an den Tisch brachte. Die restlichen drei habe ich in anderen Lokalen zusammengetragen. El Sequé von Artadi wächst in Pinoso auf Kalk in etwa sechshundert Metern Höhe, Tarima Hill von Bodegas Volver aus derselben Gemeinde stammt von fünfunddreißig bis siebzig Jahre alten Stöcken, die ohne Bewässerung auskommen, und reifte vierzehn Monate in französischen Fässern: kirschrote Farbe mit rubinroten Reflexen, Duft nach reifen Früchten, Blüten und Gewürzen, voller, ausgewogener Geschmack mit langem Abgang - ein komplexer, konzentrierter, spannender Wein. Und die fünfte Flasche, Sericis von Bodegas Carchelo, Jahrgang 2018 mit zweiundneunzig Punkten von Guía Peñín, ist überhaupt nicht aus Alicante: Carchelo sitzt in Jumilla, jenseits der Provinzgrenze in Murcia, und der Monastrell kümmert sich um diese Grenze genauso wenig wie ich beim Fotografieren. Ludwig XIV. verlangte am Ende nach Wein aus Alicante. Ich habe am Anfang nach ihm verlangt, und Alicante schob mir stattdessen drei seiner Monastrells, einen Moscatel und einen Monastrell aus Jumilla unter. Der Fondillón wartet immer noch im Fass auf mich.