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Çaj mali: albanischer Bergtee

Dan Špaňhel Albanien Aktualisiert Keine Kommentare

136 Kilogramm Bergtee, verladen auf zwei Pferde und einen Esel - mit diesem Fang hielt die griechische Grenzpolizei drei Sammler aus Albanien an. Es war kein Einzelfall. Çaj mali, wörtlich "Tee des Berges", ist ein Kräutertee aus den getrockneten blühenden Stängeln des Gliedkrauts, einer Pflanze der Gattung Sideritis, und gehört in der albanischen Küche zu den beliebtesten Kräutertees. In Albanien selbst sind Märkte und Straßenränder voll davon; warum man seinetwegen über die Grenze geht, erklärt nicht die Botanik, sondern das Gesetzbuch.

Çaj mali: blühende Stängel des Bergtees, zu Bündeln gebunden.
Çaj mali: blühende Stängel des Bergtees, zu Bündeln gebunden.

Der Tee des Berges und das Pflänzchen der Jungfrau Maria

Das Albanische macht sich um botanische Nomenklatur keine großen Gedanken. Die Pflanze heißt hier genauso wie das Getränk, das erst aus ihr entsteht: çaj mali, Tee des Berges. Die albanische Wikipedia führt unter diesem Stichwort, in der längeren Form çaji i malit, gleich die ganze Gattung. Und eine Perle aus der Diaspora: Die Arbëresh, Nachfahren von Albanern, die sich in Süditalien niedergelassen haben, nennen dasselbe Kraut skutina e Shën Mërisë - das Pflänzchen der Jungfrau Maria.

Auch die Nachbarn trinken Bergtee, nur unter anderen Namen und nicht immer von derselben Pflanze. Der albanische Çaj mali ist meist die Art Sideritis raeseri - botanisch genau dieselbe, die in Griechenland an den Hängen des Parnass gesammelt und als griechischer Bergtee exportiert wird. In Nordmazedonien sammelt man in der Šar Planina vor allem eine Schwesterart namens planinski čaj, in Bulgarien gehört der Mursalski-Tee zur selben Familie.

Im Juli in voller Blüte, getrocknet im Schatten

Gesammelt wird im Juli, wenn das Gliedkraut blüht, an steinigen Hängen und auf Weiden über tausend Metern - vom Gramos-Gebirge und dem Llogara-Pass im Süden bis zu den Bergen über Kruja. Getrocknet wird im Schatten, damit die Stängel ihren Duft nicht verlieren; das Verfahren kennt jeder, bei dem zu Hause schon einmal Kamille auf Zeitungspapier getrocknet wurde. Manche Sammler reißen die Pflanzen aber samt Wurzeln aus, und die wilden Bestände werden immer dünner. Griechenland erlaubt das Sammeln deshalb nur von Anfang Juli bis zum 20. August und höchstens fünf Kilo pro Familie, Bulgarien hat das Wildsammeln ganz verboten - Albanien kennt bisher keine Obergrenze. Die Pferde aus der Eingangsszene trugen also eine Last über die Grenze, die auf der einen Seite der Berge ein Handwerk ist und auf der anderen ein Vergehen.

In den Becher gehören drei, vier ganze Zweige samt Blüten, die man mit kochendem Wasser übergießt und ruhig eine Viertelstunde ziehen lässt; erst dann kommen Honig und Zitrone dazu. Hochsaison hat der Çaj mali im Winter, wenn er gegen Erkältung und Husten zum Einsatz kommt. Sein Ruf als Heilmittel ist aber nur die halbe Geschichte: Im benachbarten Nordmazedonien gaben in einer Studie aus dem Jahr 2025 vier Fünftel der Befragten an, Bergtee einfach aus Genuss zu trinken. In Kruja wiederum schenkt man ihn laut der staatlichen Tourismusagentur das ganze Jahr über den Gästen zur Begrüßung ein. Gekauft wird er in Bündeln, die mit Schnur zusammengebunden sind, auf Märkten und bei kleinen Händlern an den Straßen - und zwar als ganze Stängel, nicht als Beutel mit zerbröseltem Kraut.

Çaj mali: getrockneter Bergtee, für den Verkauf verpackt.
Çaj mali: getrockneter Bergtee, für den Verkauf verpackt.

Eine Tüte mit Sichtfenster aus Kruja

Zum Bergtee bin ich auf Umwegen gekommen: Zum ersten Mal begegnet ist er mir in Bulgarien, und seitdem lasse ich nichts auf ihn kommen. In Albanien sah ich die Bündel immer wieder am Straßenrand, gekauft habe ich meinen Tee aber schließlich in Kruja - eine Tüte mit durchsichtigem Fenster und einem Etikett, das nicht mit Selbstbewusstsein geizte: Çaj Mali, Sideritis raeseri, Premium Quality, Made in Kruja. Der Geschmack ist sehr angenehm und fein, und ich schmecke Honig heraus, obwohl ich keinen hinzugefügt habe. Seit dem ersten Schluck bringe ich Bergtee von jeder Reise mit, und er ist auch mein Tipp für ein Mitbringsel aus Albanien. Die Liste der Länder, aus denen er mit mir nach Hause reist, wird seitdem immer länger.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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