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Raki rrushi: albanischer Traubenbrand

Dan Špaňhel Albanien Aktualisiert Keine Kommentare

Sechsundachtzig Euro. So viel gibt der durchschnittliche Albaner laut Eurostat im ganzen Jahr für Alkohol aus - so wenig wie niemand sonst in Europa, der EU-Durchschnitt liegt bei 286 Euro. Die Zahl hat einen Haken: Sie erfasst nur, was über die Ladentheke geht. Viel albanischer Schnaps entsteht zu Hause, und die Statistik bekommt ihn nie zu sehen. Raki rrushi, wörtlich "Raki aus Trauben", ist ein klarer Traubenbrand ohne Anis - die Spirituose schlechthin der albanischen Küche und das Getränk, mit dem man hier Gäste willkommen heißt.

Raki rrushi: albanischer Traubenbrand aus Muskatellertrauben.
Raki rrushi: albanischer Traubenbrand aus Muskatellertrauben.

Ein Name, drei Getränke

Das Wort Raki kam aus dem arabischen arak, wörtlich "Schweiß", über das osmanische Türkisch ins Albanische - für ein Getränk, das Tropfen für Tropfen an der Wand des Kühlers entsteht, eine ziemlich treffende Arbeitsbeschreibung. Dasselbe Wort steht heute für drei verschiedene Getränke: auf Kreta für den klaren Schnaps Tsikoudia, in der Türkei für den Anis-Rakı, der sich mit Wasser milchig weiß trübt, und in Albanien für einen Traubenbrand, der klar bleibt, egal womit du ihn mischst. Zum Traubenbrand greift dabei der ganze Balkan: In Nordmazedonien trinkt man Lozova und lässt die berühmteste Sorte im Eichenfass goldgelb reifen, der griechische Tsipouro wird vor allem aus Trester gebrannt. In Albanien gilt eine einfache Regel: Wer Raki ohne Zusatz sagt, meint den aus Trauben.

Wie das Nationalgetränk seinen Thron verlor

Raki gilt bis heute als Nationalgetränk, doch den Titel des meistgetrunkenen alkoholischen Getränks sprechen ihm albanische Publizisten nur bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu; in Umfragen greifen junge Leute eher zum Bier. Sein Ansehen hat der Raki dadurch nicht eingebüßt: Er bleibt der Brand, an dem man in Albanien Gastfreundschaft misst. Der Anthropologe Përparim Kabo bezeichnet ihn als Symbol, das man in Freud und Leid einschenkt, und der Bektaschi-Orden verwendet ihn sogar bei seinen Ritualen. Die Geschichte ist nüchterner: Belegt ist nur die Entlehnung des Wortes, das Brennen selbst könnte auf dem Balkan älter sein - bulgarische Archäologen fanden ein Bruchstück eines Destilliergefäßes, das schon aus dem 11. Jahrhundert stammt. Der erste albanische Kazan hat es nicht in die Chroniken geschafft; sicher ist nur der Name.

Kazan, Glas und vierzig Tage Ruhe

Der meiste albanische Raki entsteht bis heute zu Hause. Nach der Weinlese werden die zerdrückten und vergorenen Trauben in einem Kupferkessel namens Kazan erhitzt; geheizt wird mit Holz, weil sich die Flamme eines Holzfeuers gut im Auge behalten lässt, gekühlt mit Brunnenwasser. Gebrannt wird auch aus dem Trester, der beim Keltern übrig bleibt - für reinen Tresterbrand hat das Albanische einen eigenen Namen, raki bërsi. Im kühleren Landesinneren treten Pflaumen an die Stelle der Trauben, und im Süden brennt man auch aus Maulbeeren. Ein Fass kennt dieser Brand nicht: Nach dem Brennen soll er im Glas ruhen, ein alter Brenner besteht auf genau vierzig Tagen, getrunken wird er klar und jung; der hausgemachte ist meist stärker als der gekaufte. Unter den Flaschen aus dem Handel gibt die Marke Skënderbeu den Ton an - ihr Brandy beginnt sein Leben übrigens als Traubenraki im Eichenfass -, und manche Weingüter füllen auch sortenreinen Raki aus Muskateller ab.

Raki ist hier ein Gruß: Dem Gast wird zur Begrüßung eingeschenkt, ungefähr mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der bei Oma früher für jeden Besuch Kaffee auf den Tisch kam. Angestoßen wird mit gëzuar, getrunken wird in kleinen Schlucken aus einem Gläschen, gern auch zum Kaffee - eher Begleiter des Gesprächs als ein Kurzer zum Runterkippen. Den hausgemachten bestellst du im Restaurant mit den Worten raki shtëpie; der gekaufte aus der Flasche schmeckt immer gleich, ist aber weniger spannend.

Moskat aus einem Innenhof in Vora

Mein Raki rrushi stammt vom Familienweingut Vila Shehi in Vora, auf halbem Weg zwischen Tirana und Durrës. Die Familie Shehi hat hier seit 1967 Weinberge, und bei ihr habe ich meine erste Nacht in Albanien verbracht - die, von der schon beim albanischen Wein die Rede war. Neben Wein wird hier auch Raki gebrannt: Auf dem Etikett meiner Flasche stand Moskat, Jahrgang 2023 - ein Brand aus Muskatellertrauben. Fotografiert habe ich sie im Innenhof zwischen Blumentöpfen - klar wie Wasser, ein rotes Band über dem Verschluss, dahinter Steinpflaster. Auf der Website des Weinguts würdest du den Raki vergeblich suchen: Weine und Unterkunft haben dort ihren Platz, ihm ist keine einzige Zeile gewidmet. Seine ganze Literatur passt bisher auf das Etikett: Trauben, Muskateller, Albanien.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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