Frische Kokosnuss: Saft und Fruchtfleisch aus der jungen Nuss
Eine leere Kokosnuss wirft auf Mauritius niemand weg. Wenn du sie ausgetrunken hast, gehst du mit ihr zurück zum Stand, wo der Verkäufer sie dir kurz zuvor geöffnet hat, und er nimmt sie wortlos, legt sie auf den Hackklotz und halbiert sie mit ein paar Machetenhieben. Aus dem, was du für die Verpackung gehalten hast, schneidet er das weiße Fruchtfleisch heraus, und aus einer Schalenscherbe macht er einen Löffel. Ein Kauf, zwei Akte.
Die frische Kokosnuss (französisch: coco tendre) ist die junge grüne Frucht der Kokospalme, geerntet noch vor der vollen Reife, wenn in ihr vor allem klarer Saft steckt und nur eine dünne Schicht weichen Fruchtfleischs - an den Stränden und auf den Märkten der mauritischen Küche wird sie als Getränk verkauft, das sich nach dem Austrinken in eine Speise verwandelt.

Das Schreckgespenst, das der Kokosnuss den Namen gab
Die drei Vertiefungen oben auf der Schale sehen aus wie ein Gesicht, und den Namen gaben der Frucht Leute, die sich vor diesem Gesicht fürchteten. Portugiesische Seefahrer nannten sie nach der coca, einem Schreckgespenst, mit dem man in Portugal Kindern Angst machte; der Chronist João de Barros hielt das 1563 fest, und aus seinem coco wurden das englische coconut und die deutsche Kokosnuss. Hindus sehen in denselben drei Vertiefungen die Augen des Gottes Shiva und zerschlagen die Kokosnuss im Tempel als Opfergabe, die nach volkstümlicher Deutung das Blutopfer abgelöst hat; die Hindus auf Mauritius schmücken mit ihr auch die Cavadee, die bei den Prozessionen getragenen Gestelle. Dasselbe Gesicht, zweimal verschieden gelesen. Den Saft aus der angeschlagenen Nuss zu trinken, ist dabei in den ganzen Tropen üblich: Indien, Sri Lanka mit seinem orangefarbenen thambili, die Philippinen mit buko, die brasilianischen Strände. Mauritisch ist daran höchstens der zweite Akt mit der Machete und dem Löffel aus der Schale - und selbst den teilt die Insel mit den Seychellen; auf Réunion heißt die junge Kokosnuss genauso, coco tendre.

Woher die Kokosnüsse nach Mauritius kommen
Die Postkarteninsel mit einer Palme über jedem Strand importiert ihre Kokosnüsse aus Madagaskar. Im Oktober 2007 kamen die ersten zwei Container mit 38.000 Nüssen an, und der Importeur rechnete bis Jahresende mit dreihunderttausend weiteren - die eigenen Palmen decken die Nachfrage der Stände nicht, und Madagaskar liegt näher als Sri Lanka, von wo zuvor geliefert wurde. Heimisch ist die Kokospalme hier ohnehin nicht: Französische Quellen schreiben sie den ersten niederländischen Siedlern zu, die sie zusammen mit dem Zuckerrohr mitbrachten, ein genaueres Datum nennt niemand. Auch der Beiname Baum des Lebens, den Reiseführer als mauritische Folklore ausgeben, ist nicht hier entstanden - auf den Philippinen heißt es puno ng buhay, und die dortige Kokosbehörde verwendet es ebenfalls, in Indonesien pohon kehidupan, und überall bedeutet es dasselbe: ein Baum, von dem sich jeder Teil verwerten lässt. Mauritius hat den Satz nur übernommen, den man im ganzen tropischen Gürtel sagt.

Wasser, Milch und das Alter der Nuss
Entscheidend ist das Alter. Die frische Kokosnuss zum Trinken wird mit sechs, sieben Monaten geerntet, wenn sie rund einen halben Liter Saft enthält und ein Fruchtfleisch, das dünn und nachgiebig ist wie Gelee. Die reife Kokosnuss verhält sich zur jungen ungefähr wie getrocknete Erbsen zu frischen Erbsen aus der Schote: derselbe Name, ein anderes Lebensmittel. Und die weiße Flüssigkeit, die sich die meisten unter dem Wort Kokos vorstellen, gibt es in der Nuss gar nicht - Kokosmilch entsteht erst aus dem reifen Fruchtfleisch, das geraspelt, mit heißem Wasser übergossen und ausgepresst wird, und auf Mauritius kommt sie ins Curry oder in das Dessert Sagoo au lait. Aus der jungen Kokosnuss läuft Wasser: klar und reich an Kalium. Die grüne und die gelbe Nuss an ein und demselben Stand sind in der Regel nur zwei Sorten derselben Frucht.
Getrunken wird am Strand, aus der Nuss, die der Verkäufer gerade geköpft hat, mit dem Strohhalm oder direkt aus der Öffnung, und dann kommt die Rückkehr für das Fruchtfleisch. Den Preis bestimmt der Strand, nicht die Nuss: an der Südküste und auf den Märkten zahlen Einheimische ein paar Dutzend Rupien, in den touristischen Buchten im Norden hundert, und dieser Unterschied ist der höchste Aufschlag, den du auf der Insel für ein und dieselbe Sache zahlst. Der Ruf des Kokoswassers als Gesundheitsgetränk hat einen wahren Kern - es ist ein isotonisches Getränk mit Elektrolyten - und eine Menge Legenden obendrauf: antibakterielle Wunder und Abnehmen stammen aus Blogs, und die Geschichte, im Pazifikkrieg sei es Verwundeten anstelle von Blutplasma als Infusion verabreicht worden, weisen Faktenchecker ausdrücklich zurück. Nach einem Nachmittag in der Sonne wirkt es auch ohne Legenden.

Zwei Akte am Strand von Flic en Flac
Ich habe meine Kokosnuss an einem Stand direkt am Strand in Flic en Flac gekauft, vor einem Haufen grüner Nüsse, über dem Bananenstauden hingen und in der Ecke Ananas warteten; der Verkäufer im blauen T-Shirt öffnete die Nuss mit zwei Hieben und steckte einen gepunkteten Papierstrohhalm hinein. Der Saft war klar wie Wasser und schmeckte angenehm, eher wie Wasser mit einem Hauch von etwas als wie Kokos. Dann bin ich zurückgegangen. Das Fruchtfleisch, das er mir aus der halbierten Nuss herausschnitt, trug ich in einer Plastiktüte davon: weich, saftig und im Geschmack am ehesten wie junge Walnüsse - mit getrockneten Kokosraspeln hat das nichts zu tun. Eine Delikatesse, von der eine Tüte Kokosraspeln nichts ahnen lässt. Für beide Akte zahlst du nur einmal, gleich beim ersten Hieb: 100 MUR (2 EUR).