Iskan: die Straße des nächtlichen Street Foods in Erbil
Tagsüber gibt sich die Iskan als ganz gewöhnliche Straße in Erbil: Geschäfte, ein paar Restaurants, Verkehr. Am Abend ist sie nicht wiederzuerkennen. An den Rand der Gehwege rollen Karren, über den Theken flammen Neonschilder auf Kurdisch und Arabisch auf, aus riesigen Töpfen steigt Dampf und auf dem Gehweg stehen dicht an dicht Plastikstühle. Iskan (kurdisch: ئیسکان, arabisch: شارع الإسكان) ist eine Straße in Erbil, der Hauptstadt des irakischen Kurdistans, die sich am Abend in die Schlemmermeile der ganzen Stadt verwandelt - und einer der lebendigsten Orte, die die irakische Küche nach Einbruch der Dunkelheit zu bieten hat.

Eine Straße namens Wohnen
Dabei verspricht der Name alles andere als Essen: Das arabische Iskan bedeutet Wohnen, und benannt ist die Straße nach einer staatlichen Wohnsiedlung aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts - wann genau sie entstand, darüber sind sich die Quellen uneins. Siedlungen namens Iskan hat der Staat übrigens in jeder irakischen Provinz gebaut, von Bagdad bis Mossul. Berühmt fürs Essen wurde nur die in Erbil, und das Schicht für Schicht: In den 1960er Jahren gab es hier Teehäuser, nach und nach kamen Restaurants dazu, und schließlich stellten sich Essenskarren davor. Einen Plan gab es dabei nicht - das Londoner Adam Smith Institute führt Iskan heute als Paradebeispiel für die unsichtbare Hand des Marktes an. Welches Hähnchen auf welchen Grill kommt, teilt hier tatsächlich kein Ministerium zu.

Wo man sonst nach Einbruch der Dunkelheit isst
Bis spät in die Nacht gegessen wird im ganzen Irak. In Bagdad haben viele Lokale rund um die Uhr geöffnet, und die Pacha isst man dort im Morgengrauen genauso wie lange nach Mitternacht - morgens kommen ältere Herren und Handwerker, nachts alle, die noch nicht nach Hause wollen. Bei den Nachbarn läuft das anders: In Teheran halten nonstop geöffnete Tabbachi-Lokale die Nacht am Laufen, in denen die iranische Küche Schafsköpfe und -füße serviert, und im kurdischen Diyarbakır im Südosten der Türkei wird schon ab sechs Uhr morgens Ciğer kebabı gegrillt, Leber am Spieß. Die Iskan packt die Nacht ganz anders an: Sie setzt weder auf ein einzelnes Gericht noch auf eine Kette von Lokalen - Grill, Suppen, Süßes und Tee hat sie in einer einzigen Straße gebündelt.
Die Kriege, die jeder mit dem Irak und Syrien verbindet, haben die Iskan nicht hervorgebracht - dafür ist die Straße Jahrzehnte älter. Aber sie haben Menschen hergebracht: Zuckerbäcker aus Mossul, Köche aus Aleppo und vor die Theken Gäste aus Bagdad und dem glühend heißen Süden. Die kamen übrigens schon vor dem Fall von Mossul: Der Besitzer eines Cafés hier schätzte Anfang 2014, dass Araber aus dem Süden siebzig Prozent seiner Gäste ausmachten. Eine Besucherin aus Bagdad brachte es später im kurdischen Fernsehen auf den Punkt: Erbil sei die einzige Stadt im ganzen Irak, in der man nachts etwas unternehmen könne.

Spieße gegen bunte Wertmarken
Alles aufzuzählen, was man hier isst, ist vergebliche Mühe - leichter findet man, was fehlt. Von den Karren duftet es nach Kebab und Kofta, am senkrechten Spieß dreht sich Hammelfleisch, auf den Theken warten Brathähnchen neben Schüsseln voller Salat, Kubba brutzeln im Fett, aus großen Töpfen wird Pacha geschöpft, und die Zuckerbäcker bieten Baklava ebenso an wie die Milchcreme Mahallabiya. Und zwischen alldem wird immer wieder starker irakischer Tee eingeschenkt, auf der Iskan auch mal aus Kannen, die direkt in der glühenden Holzkohle stehen. Man zieht von Stand zu Stand und nimmt überall etwas mit.
Den Rhythmus der Straße gibt das Wetter vor. Im Juli und August klettern die Nachmittagstemperaturen hier regelmäßig über 40 Grad - die berüchtigten irakischen 50 Grad bleiben dem Süden des Landes vorbehalten -, und so trifft sich die Stadt erst nach Sonnenuntergang zum Essen. An vielen Ständen bezahlt man außerdem nicht beim Koch, sondern vorher an der Kasse: Du kaufst eine Wertmarke, wie wir sie in den Neunzigern in Spielautomaten geworfen haben, nur bunter, und reichst sie dann einfach über die Theke. Den Kassenbon ersetzt hier ein Stück Plastik.


Abendessen auf dem Plastikstuhl
Auf der Iskan habe ich mein Abendessen über die ganze Straße verteilt gegessen, nicht an einem einzigen Tisch. Die Wertmarke von der Kasse wanderte in die Hand eines Kochs, der mit einem Fächer die Glut unter einer Reihe von Spießen anfachte, und ich setzte mich auf einen Plastikstuhl auf dem Gehweg, ein paar Schritte von den vorbeifahrenden Autos entfernt. Eine Portion Pacha kostete mich hier 10.000 IQD (6 EUR), eine Kubba Mosul 1.000 IQD (0,60 EUR). Und wo ich auch saß, zwischen den Stühlen schlängelten sich ständig Kellner mit Tabletts voller Gläser hindurch: Auf der Iskan geht ein Abend nicht zu Ende, er wird nur länger - Tee um Tee.

Iskan