Zum Inhalt springen

Länder
Wohin als Nächstes? Über mich Kontakt Newsletter

Občanská plovárna, Prag (2): Sonntagsbrunch in der Herbstausgabe

Der Oktober zeigte an diesem Morgen sein ganzes Repertoire: Nieselregen, kräftigen Wind und eine graue Moldau, auf der trotz allem weiter Ausflugsschiffe fuhren. Wir sahen ihnen aus dem warmen Restaurant zu, bei Brot mit Trüffelbutter. Zum Sonntagsbrunch ins Občanská plovárna, den klassizistischen Bau eines Flussbads an der Čech-Brücke, bin ich nach einem Jahr zurückgekehrt - und habe eine merklich andere Küche vorgefunden. Über meinen ersten Besuch habe ich letztes Jahr bei Sommerwetter geschrieben; seitdem hat sich mehr geändert als nur die Jahreszeit.

Občanská plovárna: Brokkolicremesuppe mit gerösteten Mandeln und Brot von Eska.
Občanská plovárna: Brokkolicremesuppe mit gerösteten Mandeln und Brot von Eska.

Was sich in einem Jahr geändert hat

Das Format ist gleich geblieben: sonntags ab halb elf, das Ticket vorab gekauft, ein Buffet mit kalten und warmen Vorspeisen, Eiergerichte auf Bestellung, ein Hauptgang, der nach halb zwölf serviert wird, und dazu Getränke ohne Limit. Geändert haben sich die Details, fast alle zum Besseren. Der Tisch mit den Schälchen wirkt auf den ersten Blick lichter: Statt fünfzehn, zwanzig Schälchen pro Gericht stehen dort jetzt sechs. Kleiner geworden ist das Angebot aber nicht - die Küche füllt nur öfter nach, und das Essen in den Schälchen ist dadurch noch frischer.

Občanská plovárna: Portionen gebackener Blumenkohl in Schälchen am Buffet.
Občanská plovárna: Portionen gebackener Blumenkohl in Schälchen am Buffet.
Občanská plovárna: Entenbrust mit Birne, Pflaumen und schwarzem Knoblauch.
Občanská plovárna: Entenbrust mit Birne, Pflaumen und schwarzem Knoblauch.

Den Welcome Drink vom letzten Jahr, Gazpacho im Schnapsglas, hat diesmal eine Tasse Brokkolicremesuppe mit gerösteten Mandeln abgelöst. Auch der Gruß aus der Küche richtet sich hier offenbar nach dem Wetter. Den Kaffee macht keine Kapselmaschine mehr, sondern eine professionelle Siebträgermaschine, und das schmeckt man in der Tasse. Statt drei Hauptgängen gibt es nur noch einen; bei allem, was vorher auf den Tisch kommt, empfinde ich das nicht als Verlust.

Občanská plovárna: Speisekarte des Sonntagsbrunchs.
Občanská plovárna: Speisekarte des Sonntagsbrunchs.

Das Herbstmenü: vom Hirschrücken bis zur Rinderrippe

Die Oktoberkarte liest sich wie eine Parade des Herbstes: Räucherlachs mit Meerrettichschaum, Apfel und Sanddorn, Entenbrust mit Birne, Pflaumen und schwarzem Knoblauch, Labneh mit Padrón-Paprika, die im spanischen Galicien angebaut werden, gebackener Blumenkohl mit Parmesan und Haselnüssen oder ein herzhafter Kuchen mit Kürbis und Chorizo. Der Hirschrücken mit Brombeeren und Wacholder erinnert daran, dass der Herbst in der tschechischen Küche Wildsaison ist; auf einem Brunchbuffet ist er allerdings nach wie vor ein seltener Gast.

Občanská plovárna: Räucherlachs mit Meerrettichschaum, Apfel und Sanddorn.
Občanská plovárna: Räucherlachs mit Meerrettichschaum, Apfel und Sanddorn.
Občanská plovárna: Scotch Egg mit eingelegtem Gemüse und Preiselbeeren.
Občanská plovárna: Scotch Egg mit eingelegtem Gemüse und Preiselbeeren.

Am meisten überrascht hat mich am Buffet das Scotch Egg. Ein leichtes Gericht ist es nicht gerade, und an Buffets kommt es gern als kalte Kanonenkugel daher - hier wird es aus Wachteleiern gemacht, und das Eigelb bleibt wunderbar flüssig, was bei einem Ei, das in Fleisch und Paniermehl frittiert wird, ein ordentliches Kunststück ist. Die saisonale Pinsa kam diesmal mit Feigen, Schinken und herrlich duftendem Basilikumpesto; nur am Rande - die "altrömische" Pinsa ist in Wirklichkeit eine römische Erfindung aus dem Jahr 2001, und ihr Erfinder hat später zugegeben, dass er sich die ganze antike Geschichte ausgedacht hat. Das Pastrami-Sandwich war buchstäblich vollgepackt mit Fleisch; das Einzige, was ihm fehlte, war richtig getoastetes Brot.

Občanská plovárna: saisonale Pinsa mit Feigen, Schinken und Basilikumpesto.
Občanská plovárna: saisonale Pinsa mit Feigen, Schinken und Basilikumpesto.
Občanská plovárna: Hirschrücken mit Brombeeren, Wacholder und Haselnüssen.
Občanská plovárna: Hirschrücken mit Brombeeren, Wacholder und Haselnüssen.
Občanská plovárna: gebackener Blumenkohl mit Wirsing, Parmesan und Haselnüssen.
Občanská plovárna: gebackener Blumenkohl mit Wirsing, Parmesan und Haselnüssen.
Občanská plovárna: Padrón-Paprika mit Labneh, Brokkoli und Chili Crunch.
Občanská plovárna: Padrón-Paprika mit Labneh, Brokkoli und Chili Crunch.
Občanská plovárna: Pastrami-Sandwich mit Zwiebelmarmelade.
Občanská plovárna: Pastrami-Sandwich mit Zwiebelmarmelade.

Beide Eiergerichte auf Bestellung waren gelungen: Eggs Benedict mit Räucherlachs, Dill-Frischkäse und Sauce hollandaise sowie das Ei im Glas mit Ragout aus Steinpilzen und Pfifferlingen unter Parmesanschaum. Und dann der Hauptgang: Rinderrippe mit Whisky-Pastinakenpüree und einer mit Pulled Beef und Raclettekäse gefüllten Zwiebel, alles in Demi-Glace. Das Fleisch ließ sich mit dem Löffel zerteilen - ein Messer habe ich gar nicht gebraucht.

Občanská plovárna: Eggs Benedict mit Räucherlachs und Sauce hollandaise.
Občanská plovárna: Eggs Benedict mit Räucherlachs und Sauce hollandaise.
Občanská plovárna: Ei im Glas mit Ragout aus Steinpilzen und Pfifferlingen und Parmesanschaum.
Občanská plovárna: Ei im Glas mit Ragout aus Steinpilzen und Pfifferlingen und Parmesanschaum.
Občanská plovárna: Rinderrippe mit Pastinakenpüree, gefüllter Zwiebel und Demi-Glace.
Občanská plovárna: Rinderrippe mit Pastinakenpüree, gefüllter Zwiebel und Demi-Glace.

Den größten Sprung haben die Desserts gemacht

Letztes Jahr habe ich geschrieben, die Desserts seien der schwächste Teil des Brunchs. Dieses Jahr würde ich den Satz streichen. Die Mini-Desserts können endlich mit dem Rest der Küche mithalten. Am meisten hat mich der Medovník begeistert, eine tschechische Honigtorte: saftig, geschichtet, mit Karamellcreme, einfach hervorragend. Letztes Jahr habe ich mich bei den Desserts nicht lange aufgehalten; dieses Jahr habe ich fünf Sorten probiert. Eis gab es Ende Oktober keins - bei dem Wetter draußen hat ihm wohl niemand nachgetrauert -, geblieben ist frisches Obst.

Občanská plovárna: Schokoladen-Mini-Dessert mit Creme und Schokoladensplittern.
Občanská plovárna: Schokoladen-Mini-Dessert mit Creme und Schokoladensplittern.
Občanská plovárna: Mini-Portion Medovník mit Karamellcreme.
Občanská plovárna: Mini-Portion Medovník mit Karamellcreme.
Občanská plovárna: Schokoladen-Mini-Dessert in glänzender kupferfarbener Glasur.
Občanská plovárna: Schokoladen-Mini-Dessert in glänzender kupferfarbener Glasur.
Občanská plovárna: Kokos-Mini-Dessert.
Občanská plovárna: Kokos-Mini-Dessert.
Občanská plovárna: Baiser mit Creme und Heidelbeeren.
Občanská plovárna: Baiser mit Creme und Heidelbeeren.

Ein Flussbad, in dem längst niemand mehr schwimmt

Letztes Jahr habe ich über das Gebäude selbst nur einen einzigen Satz geschrieben - dass der Blick auf den Fluss wunderschön ist. Für ein Haus mit so einer Biografie ist das zu wenig, also hole ich es jetzt nach. Das Občanská plovárna entstand 1840 als zivile Antwort auf das benachbarte Militärbad Vojenská plovárna - dort durften mit der Zeit zwar auch Zivilisten baden, doch das Miteinander mit den Soldaten hatte seine Grenzen, und so entstand daneben ein eigenes Bad, ein "bürgerliches" - genau das bedeutet občanská.

Die Becken schwammen auf hölzernen Pontons, die jedes Frühjahr aufgebaut und im Herbst wieder abgebaut wurden; am Ufer gab es eine Schwimmschule und ein Restaurant. Als Junge kam Franz Kafka hierher - sein Vater brachte ihm hier das Schwimmen bei, und Biografen zufolge spielt genau hier die Szene aus dem "Brief an den Vater", in der er sich an das gemeinsame Ausziehen in der Kabine erinnert. Dem Baden machten ausgerechnet Staudämme ein Ende: Nach dem Bau der Moldaukaskade war der Fluss plötzlich zu kalt.

Marek Eben drehte hier eine Sendung, die schlicht Na plovárně heißt, also "Im Flussbad". Heute gehört das Haus Events und dem Sonntagsbrunch. Den Betreiber des Gebäudes kontrolliert seit letztem Jahr eine Investmentgruppe; streng genommen richten dir hier also Banker den Brunch aus.

Wer heute durch den Gang zwischen den Sälen geht, kommt an Metallregalen voller eingemachtem Gemüse und Pilzen vorbei - die Gläser sind beschriftet wie in einer Speisekammer zu Hause: Paprika 07/26, Steinpilze 09/26.

Občanská plovárna: Gläser mit eingelegtem Gemüse und Steinpilzen.
Občanská plovárna: Gläser mit eingelegtem Gemüse und Steinpilzen.
Občanská plovárna: gedeckter Tisch im Nebensaal des Restaurants mit Kinderecke.
Občanská plovárna: gedeckter Tisch im Nebensaal des Restaurants mit Kinderecke.

Mit Kindern, mit Prosecco und mit Ozzy

Und noch etwas für Eltern. Die Kinderecke ist hier kein lieblos hingelegter Teppich in der Ecke des Speisesaals: Sie hat einen "eigenen" Raum direkt neben dem Hauptsaal. Darin stehen auch zwei gedeckte Tische, die normalerweise nicht vergeben werden, weil die meisten Gäste mit Blick auf die Moldau sitzen wollen. Wer mit Kindern kommt, hat damit fast die Garantie, den ganzen Raum für sich zu haben: die Kinder im Blick, den Teller in Reichweite, Ruhe im Saal. Von der Wand schreit dazu ein gerahmter Ozzy Osbourne - und falls dir mit Kindern manchmal ähnlich zumute ist, ist ein Glas Prosecco an der Kinderecke eine recht zivilisierte Lösung. Ausgeschenkt wird der Serena vom Familienweingut Serena Wines 1881 aus Conegliano, also direkt aus dem Herzen des Prosecco-Gebiets - und wie schon letztes Jahr gibt es ihn auch alkoholfrei, was in Prag immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Občanská plovárna: Kinderecke im Restaurant.
Občanská plovárna: Kinderecke im Restaurant.
Občanská plovárna: Porträt von Ozzy Osbourne an der Wand.
Občanská plovárna: Porträt von Ozzy Osbourne an der Wand.

Das Ticket kostet 1.190 CZK (48 EUR), Kinder von sechs bis zwölf Jahren zahlen 590 CZK (24 EUR), und die Kleineren essen kostenlos; im Preis sind das gesamte Essen sowie Prosecco, Wein und Bier ohne Limit enthalten. Mitte November gibt es hier außerdem ein Mittagsbuffet zum Martinstag mit Gans in mehreren Variationen - Details findest du in meiner Übersicht der Martinsmenüs in Prag. Zum Schluss blieb der Küchenchef an unserem Tisch stehen und fragte, wie es uns geschmeckt habe; mitgebracht hatte er ein Schächtelchen hausgemachter Pralinen - eine Aufmerksamkeit, mit der wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Draußen hatte es inzwischen aufgehört zu regnen, und auf der Moldau fuhr das nächste Schiff vorbei. Zum ersten Mal an diesem Tag fand ich das Wetter völlig in Ordnung.

Občanská plovárna

Website

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

Über mich Kontakt

Das könnte dir gefallen:

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.