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Orto Say Bazaar: ein Markt im Süden von Bischkek

Dan Špaňhel Kirgisistan Aktualisiert Keine Kommentare

Eine der Verkäuferinnen hatte vier Wannen mit eingelegten Gurken auf ihrem Tresen stehen. Auf den ersten Blick viermal dieselbe Ware, nur die Farbe verschob sich: Links unten leuchteten die Gurken in frischem Grün, eine Wanne weiter waren sie zu Olivgrün nachgedunkelt, und rechts unten waren sie schon braun wie der Herbst. Vier Wannen, vier Altersstufen derselben Ware - von kaum eingelegt bis lange vergoren - und man konnte sich Stück für Stück durchprobieren wie durch ein Lehrbuch darüber, was die Zeit mit einer Gurke anstellt. Der Orto Say Bazaar (kirgisisch: Орто-Сай базары) ist der größte Markt im Süden von Bischkek und ein Ort, an dem du die kirgisische Küche Zutat für Zutat einkaufen kannst - von Fleisch und Milch bis zu Gurken jeden Jahrgangs.

Orto Say Bazaar: Gurken von frisch eingelegt bis lange vergoren.
Orto Say Bazaar: Gurken von frisch eingelegt bis lange vergoren.

Was Orto Say bedeutet und wie groß der Markt ist

Das kirgisische orto bedeutet "mittlerer", und seinen Namen hat der Markt wohl vom Vorort Orto-Sai geerbt, der ein Stück weiter südlich liegt. Mit allen Gassen erstreckt sich das Gelände über mehr als zehn Hektar, und die lokale Presse beschreibt es als den größten Markt im ganzen Süden von Bischkek - der Name verspricht die Mitte, die Wirklichkeit gehört dem Süden. Vom Zentrum sind es ein paar Kilometer.

Dabei ist Orto Say eher eine Marke als ein einzelner Markt. Auf dem Gelände bestehen mehrere eigenständige Märkte verschiedener Betreiber nebeneinander: die Lebensmittelreihen, ein Bekleidungsmarkt namens Oberon - nach dem Elfenkönig aus dem "Sommernachtstraum", der so als Kleiderständer voller Jacken am Rand von Bischkek gelandet ist - und dazu ein städtischer Pavillon namens Grüner Basar. Zusammen bekommst du hier alles von Gemüse, Fleisch und Milchprodukten bis zu Schuhen, Textilien und Haushaltswaren; die Aufteilung auf verschiedene Firmen kann dir als Besucher zum Glück egal sein, die Gassen gehen einfach ineinander über.

Orto Say Bazaar: Pfirsiche, Aprikosen und Trauben.
Orto Say Bazaar: Pfirsiche, Aprikosen und Trauben.

Seit wann es den Markt gibt

Wann genau Orto Say entstanden ist, erfährst du nicht - die lokalen Quellen kennen kein Gründungsjahr. Der erste feste Punkt in der Geschichte des Marktes ist deshalb das Jahr 1998, als eine Privatfirma das Grundstück unter dem Bekleidungsteil zur vorübergehenden Nutzung erhielt; spätestens Ende der Neunziger gab es den Markt also schon.

Die Gegenwart ist dafür sorgfältig dokumentiert. 2024 gab ein Gericht die Grundstücke des Marktes an die Stadt zurück, und das Rathaus machte sich ans Aufräumen: Mehr als dreihundert wilde Stände verschwanden aus den Gassen, der Hauptgang bekam Asphalt, und am Rand des Geländes soll ein Parkhaus mit einem Fußballplatz auf dem Dach entstehen. Aufräumen hat hier eine kurze, aber lebhafte Tradition - schon ein Jahr zuvor wurden Stände im Hauptgang abgerissen, weil kein Feuerwehrauto durchgekommen wäre; und das war keine Amtsschimmelei, 2020 ist ein Teil der Marktflächen tatsächlich abgebrannt. Selbst ein Café war irgendwann dran, das auf einem als Parkplatz verpachteten Grundstück gebaut worden war: Das Café wurde abgerissen, und aus dem Platz wird wieder ein Parkplatz.

Himbeeren bis zum ersten Frost

Die Lebensmittelreihen sind der Grund, hierherzukommen. In der Hochsaison biegen sich die Tresen unter Pfirsichen, Trauben und Aprikosen, daneben stehen Plastikschalen mit Himbeeren, Brombeeren und Stachelbeeren; die Himbeersaison dauert in Kirgisistan von Juni bis zum ersten Frost, frische Himbeeren sind hier also selbst im Herbst keine Seltenheit. Ein Stück weiter glänzen getrocknete Aprikosen, Rosinen, Mandeln und Pistazien, die in Tüten abgewogen werden. Woher das alles kommt, haben ungewollt die Corona-Lockdowns verraten: Als die Verkäufer keine Passierscheine für die Straßenkontrollen bekamen, standen ganze östliche Reihen mit Brot, Gemüse und Obst verwaist da - ein Teil der Händler pendelt aus dem Umland zum Markt.

Orto Say Bazaar: Himbeeren, Brombeeren und Stachelbeeren in Schalen.
Orto Say Bazaar: Himbeeren, Brombeeren und Stachelbeeren in Schalen.
Orto Say Bazaar: getrocknete Aprikosen, Rosinen und Nüsse.
Orto Say Bazaar: getrocknete Aprikosen, Rosinen und Nüsse.

Manty aus dem Dämpfer, Boorsok auf Bestellung

Essen kannst du direkt zwischen den Ständen. Über einem mehrstöckigen Bambusdämpfer steigt derselbe Dampf auf, in dem bei uns in Tschechien Hefeknödel gar ziehen - nur liegen darin stattdessen spiralförmig angeordnete Manty, große, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, bei einigen schimmert eine grüne Füllung durch. Manty werden in ganz Zentralasien gekocht, bei den Uiguren genauso - und wer die türkischen Mantı kennt, klein, gekocht und in Joghurt ertränkt, merkt bei der zentralasiatischen Variante, dass derselbe Name zwei ganz verschiedene Gerichte bezeichnen kann.

Eine Bäckerei direkt auf dem Gelände schickt den Duft von heißem Fladenbrot, dem Tandyr Nan, zwischen die Stände, und draußen wird Boorsok in Öl frittiert. Die kirgisische Wikipedia zählt diese frittierten Teigkissen ohne mit der Wimper zu zucken zu den Nationalbroten - Boorsok ist eben Brot, das nie einen Ofen gesehen hat. Ein Stand auf dem Orto Say hat dafür ein Schild "Wir nehmen Bestellungen an" aufgehängt: Für kirgisische Festessen und Feiern wird Boorsok nämlich in Mengen frittiert, für die eine Pfanne zu Hause nicht reicht. Dazu gibt es an den Ständen Samsas; das Mittagessen hast du hier zusammen, bevor du auch nur die Hälfte der Reihen abgelaufen bist.

Orto Say Bazaar: Manty im Dämpfer, einige mit grüner Füllung.
Orto Say Bazaar: Manty im Dämpfer, einige mit grüner Füllung.
Orto Say Bazaar: Boorsok, frittierte Stücke aus Hefeteig.
Orto Say Bazaar: Boorsok, frittierte Stücke aus Hefeteig.

Der Markt der Bischkeker

Laut offizieller Statistik hat Bischkek mehr als sechzig Märkte. Besucher der Stadt steuern fast automatisch den Osh Bazaar an; Orto Say ist dagegen der Markt der Bischkeker - hier kaufen vor allem Einheimische ein, und ein Tourist ist hier seltenere Ware als eine Avocado. Billiger ist der Markt ohne Touristen allerdings nicht, zumindest nicht beim Rindfleisch: Laut einem Vergleich des Landwirtschaftsministeriums kostete das Kilo auf dem Orto Say 550 bis 650 Som, auf dem Osh Bazaar 550 bis 580. Man zahlt hier offenbar für die Ruhe. Mir persönlich hat der Bummel über den Orto Say besser gefallen - man findet sich leichter zurecht, und der ganze Markt hat sich für mich besser angefühlt, auch wenn ich weiß, dass die lokalen Nachrichten jahrelang über den zugestellten Hauptgang berichtet haben; nimm meinen Eindruck also einfach als Eindruck. Und wem selbst das noch zu viel Markt ist: Im Zentrum gibt es den winzigen Markt Ak Emir.

Was ich auf dem Orto Say gekauft habe

In Bischkek hat sich meine Einkaufsliste von selbst geschrieben. Bei den Gurken vom Anfang habe ich mich quer durch alle Wannen probiert, und die Geschmäcker unterschieden sich so deutlich, dass schon das Nachspüren der Unterschiede ein Vergnügen für sich war. Den Himbeeren für 200 KGS (2 EUR) konnte ich nicht widerstehen, und sie waren hervorragend. Und vom Bäcker habe ich noch ein heißes Tandyr Nan für 30 KGS (0,30 EUR) mitgenommen; es war perfekt. Am Ende ging ich mit voller Tasche nach Hause - die kirgisische Küche Zutat für Zutat, genau so, wie Orto Say sie verkauft.

Orto Say Bazaar

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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