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Chłodnik litewski: kalte Suppe aus Roter Bete

Dan Špaňhel Polen Aktualisiert Keine Kommentare

Ein Geständnis vorweg: Kalte Suppen sind meine Schwäche, und um den ersten Platz auf meiner persönlichen Rangliste streiten sich zwei - der spanische Gazpacho und eine knallrosa Schüssel aus Polen. Der Chłodnik litewski ist eine sämige kalte Suppe aus gekochter Roter Bete, verrührt mit Kefir, mit der man in der polnischen Küche der Sommerhitze trotzt - mit Gurke, Dill und einem halben hart gekochten Ei. Und damit stehe ich nicht allein da: Als ein Gastroportal 2024 die beste kalte Suppe der Welt suchte, gewannen die litauischen Šaltibarščiai, also dasselbe Gericht unter anderem Namen. Der Gazpacho landete erst auf Platz zehn.

Chłodnik litewski: kalte Suppe aus Roter Bete mit Kefir.
Chłodnik litewski: kalte Suppe aus Roter Bete mit Kefir.

Der Vorname aus der Kälte, der Nachname aus Litauen

Das Wort chłodnik stammt vom polnischen chłód, Kälte, und bezeichnet für sich genommen jede beliebige kalte Suppe - in Polen gibt es auch Chłodnik aus Gurken oder aus Obst. Die Herkunft verrät erst das Beiwort: Die Version mit Roter Bete hielten polnische Köchinnen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts für ein litauisches Gericht und nannten sie deshalb kurzerhand litewski. Adam Mickiewicz serviert sie im Pan Tadeusz unter dem noch älteren Namen chołodziec litewski, und seine Helden sprechen ihr "schweigend und tapfer" zu - bis heute die treffendste Beschreibung dessen, was diese Suppe bei Hitze mit einem macht.

Die Geografie hinter dem Namen stimmt: Der Chłodnik entstand in der gemeinsamen Küche des alten Polen-Litauen und ist heute in Polen, Litauen, Lettland und Belarus zu Hause. Die Litauer nennen ihn Šaltibarščiai, wörtlich kalter Borschtsch, halten ihn für ein Nationalsymbol, und Vilnius widmet ihm sogar ein Festival der rosa Suppe. Die lettische Aukstā zupa ist fast dieselbe Suppe, nur isst man sie mit Roggenbrot und Wurst - und 2024 lieferten sich Vilnius und Riga wegen der Suppe sogar ein Rap-Duell. Der bulgarische Tarator ähnelt ihr nur zur Hälfte: Joghurt und Gurke ja, Rote Bete nicht.

Sechzig Krebse und kein Rosa

Das älteste Rezept stammt aus allerhöchsten Kreisen: Aufgeschrieben hat es Ende des 18. Jahrhunderts der Koch von Stanisław August, dem letzten König Polens. Die adlige Version unterschied sich von der heutigen vor allem in der Besetzung - Wincenta Zawadzka rechnet in ihrem Buch Kucharka litewska von 1854 pro Schüssel mit einem Schock, also sechzig Krebsschwänzen, wahlweise auch mit Fisch oder Kalbsbraten. Das Ergebnis beschreibt sie als weiß und trüb. Das satte Rosa, mit dem die Suppe heute auf Fotos leuchtet, ist nämlich jünger als die Suppe selbst: Die Rote-Bete-Knolle setzte sich als Grundlage erst in der Zwischenkriegszeit durch, davor kochte man den Chłodnik aus Rübenblättern oder weißen Futterrüben.

Botwina, Kefir und heiße Kartoffeln

Rezepten, die ein Mittagessen ganz ohne Kochen versprechen, solltest du nicht trauen: Die Grundlage ist die Botwina, junge Rote Bete samt Blättern, und die muss kurz gekocht werden - kalt wird der Chłodnik nur serviert. Die abgekühlte Basis verrührt man mit Kefir oder Sauermilch, gibt gewürfelte Gurke und mit Salz zerriebenen Dill dazu und setzt ein halbes hart gekochtes Ei obenauf; Radieschen sind eine neuere Zugabe für mehr Schärfe. Viel mehr als einen süßsauren Salat zum Schnitzel traut man der Roten Bete in der tschechischen Küche kaum zu; der Chłodnik gibt ihr die Hauptrolle und lässt sie alles andere einfärben. Außerhalb der Saison für junge Bete tun es auch gekochte oder eingelegte Knollen.

Der Chłodnik ist ein Mittagessen für Tage, an denen die Luft über der Straße flimmert; serviert wird er so kalt wie möglich, und früher warf man sogar Eisstücke direkt hinein. Dazu gehören heiße Salzkartoffeln auf einem eigenen Tellerchen: Man isst sie abwechselnd mit der Suppe, und genau von diesem Temperaturkontrast lebt das Ganze - falls die Kartoffeln nicht von selbst kommen, frag danach. Wie ernst es die Litauer damit meinen, zeigte eine Hitzewelle, bei der die fertigen Šaltibarščiai in den Geschäften schlicht ausverkauft waren.

Chłodnik litewski: sämige, cremige Suppe mit Ei und Dill.
Chłodnik litewski: sämige, cremige Suppe mit Ei und Dill.

Rosa aus der Pyra Bar

Ich habe den Chłodnik litewski in Posen in der Pyra Bar gegessen (siehe Wo man in Posen essen geht) - genau diese Portion ist auf den Fotos in diesem Artikel zu sehen. Sie kam in einem tiefen Teller mit dem Logo des Lokals: ein halbes Ei, Dill und obendrauf eine Handvoll grüner Sprossen, über die klassische Rezepte schweigen. Die Suppe war sämig, eiskalt und säuerlich vom Kefir, die Süße der Bete kam erst nach der Säure durch, und den Dill schmeckte ich bis zum letzten Löffel heraus. Eine Portion kostete 15 PLN (3,60 EUR). Die Suppe war großartig. An meiner Rangliste hat das nichts geändert: Ganz oben stehen weiterhin zwei kalte Suppen, die Reihenfolge entscheidet das Wetter.

Dan Špaňhel

Dan Špaňhel

Ich bin Dan. Ich schreibe nur über das, was ich selbst gekostet habe - vom Straßenstand bis zum Michelin-Stern. Für gutes Essen habe ich die halbe Welt bereist und alles Mögliche probiert - auch das Unmögliche.

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